Tabuthema: soziale Herkunft

Frau Dr. Sabine Hückmann brachte in Ihrem Beitrag ein Thema auf, was mir bekannt ist, ich selbst aber nie angestoßen hätte. Soziale Herkunft. Soziale Herkunft hat einen größeren Einfluss auf das (berufliche) Leben als es oft den Anschein macht. Es wird zu weniger darüber gesprochen, denn ein „Ich habe es ja auch geschafft“, hilft niemandem für die Zukunft weiter. Dies ist ein Auszug meiner Geschichte.

Soziale Herkunft ist nach wie vor Tabuthema. Aber allein das ist ein Erfolg. Vor nicht allzu langer Zeit war es gar kein Thema. Es ist nicht so offensichtlich wie andere Verhältnisse/Gegebenheiten, die einen benachteiligen können. Häufig spricht man nicht darüber – meist vermutlich aus Scham oder der Angst, der eigenen Reputation zu schaden. Da ich meiner eigenen Reputation schon durch das öffentliche Schreiben über Depressionen geschadet habe, kann ich voller Inbrunst ins nächste Nebelhorn stoßen (I just don’t give a fuck).

Heute würde man sagen, dass ich in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs. Ein (ungewolltes) Scheidungskind, dessen Erziehung so gut lief, dass das Jugendamt mit einer Pflegefamilie drohte. Geld war immer knapp oder nicht da. Ich bin das eine Kind im Sportunterricht der Grundschule gewesen, dessen großen Zeh vorn aus dem Schuh schaute, weil die Schuhe zu klein waren. An Klassenfahrten habe ich ab der 6. Klasse nicht mehr teilgenommen. Fairerweise muss ich erwähnen, dass mir die Abschlussklassenfahrt aufgrund einer schulischen Disziplinarstrafe verwehrt gewesen wäre.

Das Elternhaus und die wirtschaftlichen Möglichkeiten brachten für mich andere Herausforderungen. Die Wahl, welche Schulform ich einschlagen wollte, durfte ich mit 12 Jahren selbst fällen. Ich war ein Wackelkandidat zwischen der Realschule und dem Gymnasium. Ich entschied mich für die Realschule, denn ich wollte nicht auf die Schule mit der reichen Kinder. Gleichzeitig waren fast alle meine Freunde auf der Hauptschule.

So langweilte ich mich dann auf der Realschule und machte das, was man macht, wenn man unterfordert ist: Ich lotete Grauzonen aus. Ich studierte Straße, wie ich heute gern auf die Frage meines Studienabschlusses antworte. Respekt bekam ich über den Sport, wo ich beim Fußball als auch beim Basketball ganz gut war. Sport war immer eine unbeschwerte Zeit, weil dort die wirtschaftlichen Verhältnisse eine untergeordnete Rolle spielen. Die Freundschaften blieben allerdings auf dem Sportplatz und das macht was mit dir.

If I kept my mouth shout, I wouldn‘t be here.

So entwickelte ich einen Sinn für Gerechtigkeit. Das führt allerdings zu Konflikten im Job, weil ich mir eben nicht die übergriffige Art eines Vorgesetzten gebe. Ich weise ihn oder sie dann auf den einen oder anderen Missstand hin, was eher selten von Applaus gekrönt ist. Ich habe damit in meiner Ausbildung (bei der Deutschen Bahn) begonnen, als ich dem Betriebsratsvorsitzenden Nord der Deutschen Bahn AG per Fax mitteilte, was ich von seinen Maßnahmen hielt. Ich kann mich heute nicht mehr an den Inhalt erinnern, aber es hat damals einige Wellen geschlagen. Ich tue das heute noch, also gern mal sagen, wenn Dinge nicht so geil laufen. Meist tue ich das im 1:1-Gespräch, damit niemand davon Wind bekommt. Es birgt aber auch Probleme, man gilt schnell als schwierig und oder unbequem.

So und wie bin ich nun in diesem Marketingsumpf gelandet? Manche behaupten, ich hätte ihre Sicht auf Social Media geformt. Ich schrieb 2011 einen Tweet, dass ich einen Job suchte und landete 120 Retweets später als Social Media Director bei GREY (ich kündigte in der Probezeit.)

Es ist die Hip-Hop-DNA, die in mir tickt. Ich nehme das, was ich habe und mache irgendwas daraus. Manchmal ist es erfolgreich und dann nimmt man die Webseite der Kanzlerin auseinander, weil das Bundespresseamt einen angefragt hat. Ist doch geil oder nicht?

Ich habe meinen Frieden damit gefunden, dass ich keiner akademischen Laufbahn gefolgt bin. Ich kann mir vorstellen, dass ich irrsinnig Spaß daran gehabt hätte, wenn ich das richtige Feld gefunden hätte. Diesen Frieden fand ich erst spät bzw. vor nicht allzu langer Zeit.

Das Schlimme ist, dass man lernen muss, und das sagt einem niemand, seine eigene Geschichte ruhen zu lassen bzw. zu verarbeiten. Es bringt mich keinen Zentimeter weiter, mir einzureden, dass ich der Junge aus einer kleinen Stadt mitten im Nirgendwo bin, der einsam und verlassen, mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Das ist jetzt ein paar Jahre her und die Entwicklung des Internets hat alle diese Regeln dermaßen durchgeschüttelt. Es bedarf Engagement und einer riesigen Portion Glück. Es ist aber möglich, es auch ohne akademischen Titel, an einen Punkt zu gelangen, an dem man zufrieden mit sich selbst ist. Und beruflich, das eine oder andere Highlight erlebt hat.

Das Kind von damals bin ich nicht mehr. Es ist ein Teil von mir, keine Frage. Heute bin ich der Mann, der seine Erfahrungen bei richtigen und wichtigen Themen kundtut. Ich werde vermutlich aufgrund der Vergangenheit nie aufhören zu lernen. Und dafür bin ich dankbar. Ich bin mir inzwischen nicht sicher, ob dieses autodidaktische Lernen für mich nicht sogar der bessere Weg gewesen ist. Natürlich werden auch in Zukunft mir Türen verschlossen bleiben, weil ich keinen akademischen Abschluss habe. Darin besteht für mich kein Zweifel. Dann muss ich eben besser oder anders als alles bisher da gewesene sein. Bis dahin… studiere ich (digitale) Straßen.